Kapitel 3

Hormon­therapie

Wie HRT funktioniert – für feminisierende und maskulinisierende Transition. Mechanismen, Präparate, Monitoring und Vergleiche beider Wege.

Ziel der Therapie

Feminisierende HRT hat zwei zentrale Aufgaben:

💜 Östrogen zuführen
Estradiol (E2) ermöglicht Feminisierungseffekte: Brustentwicklung, Fettumverteilung, Hautveränderungen, emotionale Veränderungen.
⬇️ Testosteron senken
Testosteron auf weibliche Werte reduzieren – Ziel: unter ca. 50 ng/dl. Solange T zu hoch ist, konkurriert es mit Östrogen an den Rezeptoren und blockiert Feminisierung.

Der negative Feedback-Loop

Der Körper reguliert seinen Hormonspiegel über einen ständigen Regelkreis – ähnlich einem Thermostat.

  • 1
    Hypothalamus misst den Hormonspiegel
    Das Gehirn prüft ständig: Wie viel Sexualhormon ist im Blut? Ist der Spiegel niedrig, gibt der Hypothalamus das Signal weiter.
  • 2
    GnRH wird ausgeschüttet
    Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH) ist das Startsignal vom Hypothalamus an die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse).
  • 3
    LH und FSH werden freigesetzt
    Die Hypophyse antwortet mit LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH. LH signalisiert den Gonaden: Testosteron produzieren!
  • 4
    Feedback schließt den Kreis
    Ist genug Sexualhormon im Blut, meldet das zurück an den Hypothalamus: GnRH-Produktion stoppen. Hohe Östrogenspiegel nutzen genau diesen Mechanismus.

Östrogen-Monotherapie

Ausschließlich Östrogen – kein Antiandrogen. Östrogen muss in ausreichend hoher Dosierung vorliegen, damit der Feedback-Loop Testosteron supprimiert.

🔬 Wie funktioniert die Suppression?
Hohe E2-Spiegel (typischerweise >200 pg/ml, oft 300–500 pg/ml) signalisieren dem Hypothalamus: „Genug Sexualhormone." Die Folge: GnRH ↓ → LH ↓ → Hoden erhalten kaum noch Startsignal → T sinkt auf weibliche Werte.
💉 Warum oft Injektionen?
Für reproduzierbar hohe E2-Spiegel eignen sich Injektionen (Estradiol Valerat, Cypionat) besonders. Gel und Pflaster können reichen, aber die Hautaufnahme variiert stark.
⚠️
Funktioniert nicht bei allen.

Regelmäßiges Monitoring der LH-, FSH- und T-Werte ist bei Monotherapie besonders wichtig.

Kombinations­therapie &
Antiandrogene

Östrogen kombiniert mit einem Antiandrogen – so muss der Östrogenspiegel nicht so hoch sein, um Testosteron zu supprimieren.

🔴 Cyproteronacetat (CPA)
Wirkung: Blockiert Androgenrezeptoren direkt und unterdrückt über den Hypothalamus die LH-Ausschüttung.

Risiken: Erhöhtes Meningeom-Risiko bei höherer Dosierung über längere Zeit. Heute meist niedrig dosiert (2,5–10 mg). Stimmungsveränderungen, Libidoverlust, Prolaktin-Erhöhung möglich.
🔵 Bicalutamid
Wirkung: Reiner Androgenrezeptorblocker – kein Einfluss auf LH/FSH. Kein Meningeom-Risiko. In Deutschland off-label, daher teurer.
🟡 GnRH-Analoga (Buserelin, Leuprolid)
Schalten die Gonadenachse vollständig ab – sehr effektive Suppression. Teuer, meist nur mit Sonderantrag kassenfinanziert. Häufiger bei Jugendlichen als Pubertätsblocker.
🟣 Spironolacton
Ursprünglich Diuretikum, blockiert auch Androgenrezeptoren. In den USA häufig, in Deutschland weniger verbreitet. Häufiges Wasserlassen, Kaliumspiegel beobachten.

Vor- und Nachteile im Vergleich

MonotherapieKombinationstherapie
T-SuppressionMöglich – nur bei ausreichend hohem E2Verlässlicher, auch bei niedrigerem E2
MedikamenteNur ÖstrogenÖstrogen + Antiandrogen
RisikenHöheres E2 nötig → leicht erhöhtes ThromboserisikoCPA: Meningeom-Risiko, Stimmung; Spiro: Kalium
MonitoringLH/FSH/T besonders wichtigJe nach AA: Prolaktin, Kalium, Leberwerte
Kosten GKVStandard kassenfinanziertCPA kassenfinanziert; Bicalutamid off-label

SHBG – das
unterschätzte Protein

SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) bindet Sexualhormone im Blut – gebundene Hormone sind biologisch inaktiv.

📊 Gesamt-T vs. freies T
Im Blutbild steht meist das Gesamt-Testosteron. Was wirklich wirkt, ist das freie Testosteron. Hoher SHBG-Wert kann das freie T stark senken, auch wenn das Gesamt-T noch erhöht scheint.
💉 Östrogen erhöht SHBG
Östrogen stimuliert die Leber, mehr SHBG zu produzieren. Das ist ein doppelter Effekt: E2 senkt T über den Feedback-Loop und erhöht gleichzeitig SHBG, das verbleibendes T inaktiviert.

Wie wird Östrogen angewendet?

💧 Gel (transdermal)
Täglich auf Haut auftragen. Vermeidet den ersten Leberpass. Aufnahme variiert individuell – Spiegel können schwanken.
🩹 Pflaster (transdermal)
Alle 1–3 Tage wechseln. Gleichmäßigere Spiegel als Gel bei manchen Personen. Klebebefestigung kann bei empfindlicher Haut problematisch sein.
💊 Tablette (oral / sublingual)
Oral: starker erster Leberpass – produziert mehr Estron, Leberwerte beobachten. Sublingual (unter der Zunge) umgeht das teilweise.
💉 Injektion
Estradiol Valerat oder Cypionat – intramuskulär oder subkutan. Hohe, dann langsam abfallende Spiegel. Ideal für Monotherapie. Abstände 1–4 Wochen je nach Präparat.

Monitoring – was wird gemessen?

WertWas er zeigtZielbereich
E2 (Estradiol)ÖstrogenspiegelVariiert; Monotherapie oft 200–500 pg/ml
Testosteron gesamtT-Suppression<50 ng/dl (weiblicher Referenzbereich)
Freies TestosteronBiologisch aktiver T-AnteilSo niedrig wie möglich
LH & FSHSuppression der GonadenachseNiedrig = Feedback-Loop greift
SHBGÖstrogen-Response der Leber; bindet THoch = gut
ProlaktinBei CPA: kann erhöht werdenIm Normbereich
Leberwerte (ALT, AST)Belastung der Leber (oral E2)Im Normbereich

Empfohlen: alle 3 Monate im ersten Jahr, danach alle 6 Monate.

Was HRT verändert –
und was nicht

Was sich verändert
Brustentwicklung · Fettumverteilung (Hüften, Gesicht) · Weichere Haut · Reduzierter Körperhaarwuchs · Verlangsamter Haarausfall · Emotionale Veränderungen · Testosteron ↓ · Muskelmasse ↓ (graduell)
Was HRT nicht verändert
Bartwuchs (braucht Epilation) · Knochenbau nach Pubertät · Stimmlage (braucht Stimmtherapie) · Körpergröße
⏱️
Geduld ist wichtig.

Viele Veränderungen brauchen 2–5 Jahre, um sich vollständig zu entwickeln. Brustentwicklung nach 2 Jahren noch nicht abgeschlossen.